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Mobilität in Mitteldeutschland

teilAuto: Der Geschäftsführer im Gespräch

Michael Creutzer ist einer von zwei teilAuto-Geschäftsführern. Im Gespräch mit mobilaro schildert er, was sein Unternehmen besonders macht, warum Carsharing die Zukunft der Fortbewegung ist und vor welchen Herausforderungen die Mobilitätskultur steht.

teilAuto Michael Creutzer

Michael Creutzer - Geschäftsführer von teilAuto

Welche Beweggründe führten zur Gründung des Unternehmens? Wie kam es zu dieser Idee?

Michael Creutzer: Die Idee entstand aus einer privaten Initiative heraus in Halle an der Saale, unserem Gründungsort. Dort beschlossen zehn Leute aus ökologischen und pragmatischen Gründen ein Auto zu teilen. Der Gedanke dahinter war: „Ich brauche keine eigenes Auto für 2 Stunden Fahrt in der Woche …“. Carsharing-Initiativen in der Schweiz und in Berlin hatten es bereits vorgemacht. Im Oktober 1992 gründete sich dann in Halle der teilAuto-Verein. Ein halbes Jahr später stand der erste Pkw bereit, ein Skoda Favorit. Mit wachsenden Nutzer- und Fahrzeugzahlen wurde der Carsharing-Betrieb ab 2004 durch eine GmbH weitergeführt.

Wie beschreiben Sie Ihre Unternehmensphilosophie?

Creutzer: Brauchen Sie geschwollene Worte? Im Ernst: Ich versuche es mal so: Wir haben Gesellschafter, Kunden und Mitarbeiter, die spiegeln in ihren verschiedenen Interessen die Breite der Menschen ganz gut wider. Vom Banker bis zum Punk, vom Ökoideologen bis zum Nur-Dienstleistungsempfänger. Die Kunden bestimmen bei uns – in Deutschlands einzigem Carsharing-Fachbeirat – die Unternehmensphilosophie mit. Zwischen den drei Interessengruppen wurde vor fünf Jahren – in hartem Ringen – ein Unternehmensleitbild verhandelt. Das leben wir, danach handeln wir. Das beinhaltet das ökologische Gleichgewicht, die ökonomische Sicherheit und die soziale Gerechtigkeit. Unsere GmbH arbeitet mit Mitarbeiterbeteiligung und wir sind Partner der Verkehrsträger im Verkehrsverbund.

Wie sehen Sie Ihren Beitrag zu Umweltschutz und Nachhaltigkeit?

Creutzer: Umweltschutz und Nachhaltigkeit sind zwei Aspekte, die der Idee des Carsharing grundsätzlich innewohnen. Verschiedene Studien belegen, dass Menschen, die Carsharing nutzen, deutlich bewusster abwägen, welche Wege wirklich mit dem Auto zurückgelegt werden müssen. Ich verweise auf diverse Veröffentlichungen des Bundesverbandes (carsharing.de). Allerdings tragen wir den Umweltschutz – anders als noch vor 20 Jahren – nicht mehr als Mantra vor uns her. Die Menschen teilen inzwischen aus verschiedensten Beweggründen. Dies respektieren wir und freuen uns auch über indirekte, aus Sicht der Nutzer unbewusste Effekte.

Warum ist Carsharing Ihrer Meinung nach nicht nur ein temporäres Phänomen?

Creutzer: Weil es nachhaltig ist – in der ganzen Ausprägung dieses oft geschundenen Begriffs! Für die Verkehrsprobleme braucht es Lösungen. Wir können die Straßen nicht immer weiter mit fahrenden und parkenden Autos zustopfen. Die Teilhabe statt des Besitzes ist ein möglicher Ansatz – und das ist Carsharing.

Worin unterscheiden Sie sich von anderen Anbietern?

Creutzer: Unsere Besonderheiten sind die lokale Verwurzelung, das lokale Engagement und die lokalen Ansprechpartner. Wir bieten Carsharing mit verschiedenen Fahrzeugklassen und -preisen, die von einer Stunde bis zur Buchung von mehreren Wochen attraktiv sind. Zudem gibt es bei uns eine echte Beteiligung der Kunden, nicht nur via Facebook. Wir sind vernetzt im Umweltverbund (Fußverkehr, Rad, ÖPNV Taxi) und stärken diesen durch die Förderung von Vereinen und Initiativen in diesem Bereich.

Wie viele Fahrzeuge hat Ihre Flotte und wonach wählen Sie die Fahrzeugmodelle aus?

Creutzer: Aktuell verfügen wir über ca. 400 Fahrzeuge vom Kleinstwagen bis zum 9-Sitzer-Bus oder Transporter. Wir sind dabei bestrebt, immer die emisionsärmsten Fahrzeuge, die am Markt verfügbar sind, einzukaufen. Elektromobile haben wir bisher nicht in der Flotte. Die Implementierung solcher Fahrzeuge stellt uns vor starke organisatorische und ökonomische Herausforderungen (Reichweiten, Ladezeiten etc.). Gleichzeitig glauben wir, dass man durch ein gezieltes Umdenken in der Mobilitätskultur wesentlich mehr erreichen kann, als durch die bloße Veränderung der Antriebsart.

Fahrzeuge teilAuto

Carsharing mit teilAuto

Wo kann man Ihren Service nutzen? Ist ein bundesweites Angebot geplant?

Creutzer: Gut ausgebaut ist unser Service in den großen Städten Sachsens, Sachsen-Anhalts und Thüringens. Noch ausbaufähig ist er in den kleinen und mittleren Städten dieser drei Bundesländer. Über den Systemverbund DB Carsharing können unsere Kunden Fahrzeuge in ganz Deutschland nutzen. Ein eigenes überregionales Angebot ist deshalb nicht nötig und auch nicht geplant.

Müssen Ihre Fahrzeuge an Stationen abgeholt/zurückgebracht werden?

Creutzer: Ja, wir verfolgen das stationsgebundene Modell. Ob „müssen“ in der Fragestellung der richtige Begriff ist, sei dahingestellt. Wir wollen unseren Kunden verlässliche Anlaufpunkte bieten. Ein exklusiv reservierter Stellplatz ist in manchen dicht  beparkten Gründerzeitquartieren, wie z.B. dem Leipziger Schleußig, nach Meinung unserer Kunden durchaus ein Vorteil!

Und wenn ja, was spricht gegen das „stationslose“ Modell?

Creutzer: Was dafür oder dagegen spricht, mag ich in der angefragten Position nicht beurteilen. Das stationslose Modell ist ein anderes – es nennt sich Car on Demand. Es funktioniert bislang nur mit einer Fahrzeugklasse, wird fast ausschließlich in großen Metropolstädten eingesetzt und ist eine neue, sehr junge Verkehrsdienstleistung, die mit den bisherigen gegebenenfalls konkurriert beziehungsweise sie ergänzt. Die Anfänge werden gerade evaluiert und wir sind auf die Ergebnisse gespannt.

Herr Creutzer, vielen Dank für das Gespräch!

 

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6 Kommentare »

  1. 25. Juni 2012 17:39 Sandra Tratos

    Komme aus Erfurt und finde teilAuto voll cool!! Schönes Interview!

  2. 25. Juni 2012 17:41 Frank Z.

    Über die Stationsbindung kann man sicher streiten aber ich hab auch keine Lust, immer nen Parkplatz suchen zu müssen…

  3. 25. Juni 2012 18:21 Kevin

    Er hat Recht. Carsharing ist gekommen, um zu bleiben…

  4. 26. Juni 2012 12:38 Dennis

    Mir gefällt Teilauto auch. Aber irgendwie finde ich Car2Go Sache auch nicht schlecht. Da kann man allerdings nur mit nem kleinen Smart fahren

  5. 6. Juli 2012 11:36 Charlie

    Eigentlich ne ganz coole Sache, die da aus so ne einfachen Vereinsidee “Wir verbessern die Welt” entstanden ist!

  6. 10. Juli 2012 13:26 Ume

    Der GF von Teilauto kommt ja ganz sympathisch rüber…

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